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Schimpansenhaltung

Gutachten des Jane Goodall Instituts Global zur Haltung der Schimpansen Bally und Limbo


Gutachten im englischen Original

Von: Patrick van Veen, Vorsitzender des Jane Goodall Institute Global

Betreff: Begutachtung der Schimpansen Bally (weiblich, 48 Jahre) und Limbo (männlich, 28 Jahre) im Krefelder Zoo, Deutschland

Datum der Begutachtung: 12. Januar 2021

Datum des Berichts: 13. Januar 2021

 

Einführung

Am 1. Januar 2020 zerstörte ein Feuer das Affenhaus im Zoo Krefeld und tötete alle dort befindlichen Affen, bis auf die zwei Schimpansen, auf die sich diese Untersuchung bezieht.

Zur Zeit der Untersuchung gibt es Kritik an der inzwischen ein Jahr andauernden Haltung der Schimpansen im Krefelder Zoo durch Medien, sozialen Medien und die Gesellschaft.

Ziel der Untersuchung ist es, einen genaueren Eindruck von der Gesundheit und dem sozialen Zustand der beiden Schimpansen zu gewinnen, eine Bestandsaufnahme der Haltungsbedingungen und potenzieller Bedürfnisse der Affen zu machen und Empfehlungen für mögliche weitere mittel- und langfristige Schritte in Sachen Bally und Limbo abzugeben.

 

Anmerkungen

1. Ich habe diese Untersuchung in meiner fachmännischen Funktion als Verhaltensbiologe und Schimpansen-Experte und in meiner Rolle als Mitglied des Forschungsprogramms „ChimpanZoo“ des Jane Goodall Instituts vorgenommen. Ich habe diese Untersuchung nicht mit einer veterinärmedizinischen Expertise durchgeführt.

2. Die Untersuchung ist eine visuelle Begutachtung und Verhaltensbeobachtung, begonnen am 12. Januar um 14 Uhr nachmittags.

3. Diese Untersuchung hatte nicht das Ziel, die Rolle des Zoos oder irgendeines Individuums in Bezug auf das Feuer am 1. Januar 2020 zu beurteilen.

4. Diese Untersuchung hat nicht das Ziel, den Zoo in Bezug auf seine Baupläne für ein neues Affenhaus zu beraten. 

5. Alle lokalen Covid19-Regulationen, die zum Zeitpunkt der Befundaufnahme galten, wurden eingehalten.

 

Zustand der beiden Schimpansen

Die Schimpansen Bally und Limbo wirken optisch und verhaltenstechnisch gesund. Es gibt keine Anzeichen für Stress, Unbehagen oder Krankheit, induziert durch das erlebte Trauma oder in Reaktion auf ihre aktuelle Situation.

Die einzigen verbliebenen optischen Anzeichen der Verbrennung sind helle Hautbereiche, wo die nackte Haut heller ist als für Westafrikanische Schimpansen üblich. Ihren Körper bedeckt dichtes Fell; das ist ein gutes Zeichen, da sich Stress und stressinduziertes Verhalten meist in kahlen Stellen und unregelmäßigem Fellwuchs offenbaren.

Bally gibt sich als die selbstbewusstere von beiden, sie näherte sich dem Zaun bei unserem Eintreten als Erste, zudem nahm sie als Erste eine neugierige Haltung ein, um die eingetroffenen Gäste zu begutachten. Limbo nahm zunächst eine folgende Position ein. Nach 15 Minuten imponiert Limbo mit festem Trommeln und präsentiert seine physische Verfassung. Diese an mich, den unbekannten Beobachter, gerichtete Geste ist ein positives Verhaltensmuster für einen männlichen Schimpansen, der damit seine Position und sein Selbstvertrauen demonstriert.

Es gibt keine Zeichen von Fell-Ausreißen, Wiegen, stereotypischen Wiederholungsmustern oder introvertiert-depressivem Verhalten, das bei traumatisierten Schimpansen zu beobachten wäre oder darauf hinweisen kann, dass ihre aktuellen Umstände ihnen schaden.  

Es ist offensichtlich, dass die beiden Schimpansen sich nahestehen, Bally als Anführerin, Limbo ihr folgend. Dennoch ist ihre Beziehung gesund, sie sind nicht ständig in physischem Kontakt, liegen und ruhen mit leichtem Abstand.

Limbo macht einen sanften und leicht unterwürfigen Eindruck. Für ein erwachsenes Männchen ist er klein, aber wohlproportioniert. Mein Eindruck von seinem Verhalten und seiner Persönlichkeit wird von seinen Pflegern bestätigt und muss für weitere Schritte berücksichtigt werden.

Es ist offensichtlich, dass die lange und intensive medizinische Versorgung (über ein halbes Jahr) und die Hingabe der Zoo-Mitarbeiter sich auf das Verhalten und die aktuelle Situation von Bally und Limbo auswirken. Beide Schimpansen sind sehr ruhig, wenn jemand sich ihnen für Untersuchungen nähert, sie zeigen den Pflegern ihre Finger und andere Körperstellen, ohne Anzeichen für physisches und psychisches Unwohlsein. Momentan sind die Pfleger als Teil ihres sozialen Umfeldes anzusehen, der ihnen Sicherheit gibt und zu ihrem Wohlbehagen beiträgt.

Es sei angemerkt, dass der Zoo sehr offen mit der aktuellen Situation der beiden Schimpansen umgeht; Informationen zu den beiden Schimpansen ist sichtbar, sobald man den Besucherbereich des Gorillageheges betritt, inklusive eines Live-Videolinks zu einem ihrer Gehege. Ich bin mir bewusst, dass diese spezifischen Informationen der Öffentlichkeit aktuell nicht zugänglich sind, da der Zoo Corona-bedingt geschlossen ist.

 

Gehege

Die jetzigen zwei Unterkünfte, die für die Unterbringung der Schimpansen genutzt werden, befinden sich im Gorilla-Gebäude. Der kleinere Raum ist eine typische Nacht- oder Schlaf-Unterkunft, mit Podesten und gut geeignet für die Beobachtung, Medical Training, Tierbeschäftigung und Untersuchungen.

Die größere Unterkunft hat Tageslicht, es ist möglich die Türen zu öffnen, um frische Luft hereinzulassen, es gibt Kletterstrukturen, Spiel- und Ruhestationen. Der Boden ist aus Holzschnitzeln. Die Pfleger haben verschiedene Beschäftigungsangebote integriert, die nach ihrer Aussage regelmäßig erneuert werden. Aus meiner Perspektive hat das angebotene Beschäftigungsportfolio einen positiven Einfluss auf das Verhalten der Schimpansen.

Die Größe der beiden Räume entspricht nicht dem national vorgegebenen Standard, und wir würden niemals raten, solche Anlagen für die dauerhafte Schimpansenhaltung zu nutzen. Jedoch ist es meiner Ansicht nach und in Anbetracht der Hintergründe akzeptabel, die beiden Schimpansen für mehr als ein Jahr in diesen Räumen zu halten. So gibt es keine dringende Notwendigkeit für einen Umzug in größere Einrichtungen. Ich denke sogar, dass die Stabilität hier wichtiger ist als die Quadratmeter.

 

Begründung

• In Anbetracht der medizinischen Verfassung im ersten Halbjahr/ dem gesamten Jahr nach dem Feuer wäre es nicht verantwortlich gewesen, die Schimpansen zu transportieren. Indem man sie an diesem Ort behalten hat, konnten sie die Pflege, die sie brauchten, von dem ihnen vertrauten Team erhalten.

• Die körperliche Verfassung weist keine Anzeichen dafür auf, dass die Gehege zu eng sind.

• Die Schimpansen zeigen keine Anzeichen von Stress oder Trauma.

• Es gibt genügend Beschäftigungsangebote.

• Die Größe der Unterbringung mag kritikwürdig sein, jedoch entspricht die generelle Qualität der Einrichtung hohen Standards, zum Beispiel durch Substratböden, frische Luft und natürliches Licht.

Zwei Kritikpunkte an der aktuellen Unterbringung:

• Es gibt kein Außengehege, und für eine langfristige Unterbringung wäre es unabdingbar, diesen zusätzlichen Raum zu haben, damit die Schimpansen Gelegenheit bekommen, sich draußen aufzuhalten. In der aktuellen Jahreszeit wäre dies jedoch keine Steigerung der Lebensqualität.

• Die derzeitige Größe des Geheges erlaubt es nicht, die Gruppe hier zu vergrößern. Für die künftige Gesundheit und das Wohlbefinden der Schimpansen ist es wichtig, die Gruppe zu erweitern. Besonders für Limbos Wohlbefinden wären die erweiterten sozialen Kontakte und Interaktionen meiner Einschätzung nach langfristig wichtig. Jedoch ist es fraglich, ob dies notwendigerweise kurz- oder mittelfristig erreicht werden muss.

 

Empfehlung für die mittel- und langfristige Planung im Umgang mit den Schimpansen

Momentan sind Limbos und Ballys individuelles Wohlbefinden und Gesundheit wichtiger als eine schnelle Lösung zu finden, die beruhend auf falschen Urteilen, Gruppenzwang oder Emotionalität getroffen wird. Die Stabilität, der enge Kontakt zu den vertrauten Pflegern und gute Betreuung sind zum jetzigen Zeitpunkt das Wichtigste.

Ich erkenne jedoch auch, dass die aktuelle Situation keine Langzeitlösung für viele Jahre sein kann. Deshalb empfehle ich, die Zeit zu nutzen, um eine bestmögliche Lösung unter Berücksichtigung er folgenden Parameter zu finden:

• Limbo und Bally müssen zusammenbleiben. Eine Trennung kann neue Traumata hervorrufen und wäre grausam für beide.

• Für das Wohl der Tiere spielt die aktuelle Pflegerschaft eine große Rolle. Im Falle eines Transports und Umzugs müssen diese Mitarbeiter des Krefelder Zoos Teil des Teams sein und die Schimpansen für längere Zeit begleiten.

• Die Eingliederung eines erwachsenen Männchens (Limbo) in eine gemischte Gruppe wird schwierig sein. Es sollten vorzugsweise entweder Weibchen und junge Männchen den beiden zugeführt oder Limbo und Bally in eine Weibchen-Gruppe integriert werden.

• Wie beschrieben scheint Limbos Persönlichkeit unterwürfig zu sein. Das sollte bei der Planung und Zusammenführung mit anderen Gruppen beachtet werden; er wird vermutlich Bally für seine Positionierung brauchen. Es sollten weiterführende Beobachtungen und Beratungen stattfinden.

• Obwohl es keine sichtbaren Auswirkungen ihres Traumas gibt, müssen wir in Betracht ziehen, dass der Transport, eine Störung ihres jetzigen sozialen Umfeldes, eine komplexe Integration in eine neue Gruppe oder ungewohnte Pflege wieder traumatische Erlebnisse triggern können.

Wenn die Schimpansen noch länger (mehr als sechs Monate) im Krefelder Zoo bleiben, ist es notwendig zu ermitteln, wie die Optionen für den Bau eines sicheren Außengeheges als Raumerweiterung aussehen. Aus meiner Perspektive und Expertise denke ich, dass der Ort Möglichkeiten bietet.

Was sind die naheliegenden lang- und mittelfristigen Optionen:

1. Die Schimpansen bleiben in ihrer derzeitigen Unterkunft, bis es ein neues Zuhause für sie gibt (dauert mindestens zwei Jahre). Das ist nur akzeptabel, wenn die Gehege vergrößert (mit einem Außengehege) und neue Individuen in die Gruppe integriert werden, um mehr soziale Kontakte zu schaffen.

2. Die Schimpansen bleiben in ihrer derzeitigen Unterkunft, um die beste Option binnen eines Jahres zu finden. Das ist akzeptabel, jedoch ist eine Vergrößerung der Gehege durch ein Außengehege wünschenswert.

3. Die Schimpansen ziehen in einen anderen Zoo und werden in eine neue Gruppe integriert. Wie beschrieben kann das problematisch und stressig sein, besonders wenn man beachtet, dass Limbo ein erwachsenes Männchen und Bally ein altes Weibchen ist. Dennoch ist dies – mit einigen Einschränkungen – vermutlich die beste Lösung. Wenn sie im EEP bleiben, muss gesichert sein, dass weitere Umzüge und Neueingliederungen in der Zukunft verboten sind.

4. Die Schimpansen werden einer Auffangstation übergeben, wie von einigen Gruppen vorgeschlagen. Ich würde diese Entscheidung nicht unterstützen, da es keine Sicherheit für eine bestmögliche Pflege gibt. Sie an einen Ort zu verlegen, der keine langfristige soziale Gruppe für Limbo gewährleisten kann (da er der jüngste ist), kann ich nicht gutheißen. Wir müssen uns im Klaren sein, dass viele Zoos in diesem Fall bessere Konditionen anbieten können (Gehege-Qualität, Pflege, soziale Struktur) als das vorgeschlagene Sanctuary. Ich erkenne die Rolle und den Bedarf guter Auffangstationen an; trotzdem sehe ich es in diesem speziellen Fall nicht als Option.

 

Zusammenfassung

Ich bin mir des Drucks, die Schimpansen an eine Auffangstation zu übergeben, bewusst. Meiner Ansicht nach ist es wichtig zu erkennen, dass hier Diskussionen und Perspektiven vermischt werden und für falsche Zwecke genutzt werden.

Anti-Zoo-Aktivist*innen nutzen die Situation, um ihren Standpunkt klarzumachen, andere, die die Meinung vertreten, dass Menschenaffen nicht in Zoos gehalten werden sollten, nutzen diesen Fall, um zu beweisen, dass sie recht haben. Ich verstehe dieses Gemisch aus Emotionen, Meinungen, Egos und Interessen und ich unterstütze das Bedürfnis nach einer anhaltenden konstruktiven Diskussion über die Zukunft und die Rolle von Zoos in unserer Gesellschaft. Jedoch – so habe ich es von der Gründerin unserer Organisation, Jane Goodall, gelernt – müssen wir in erster Linie immer das Wohlbefinden und die Interessen des Individuums im Blick haben. In diesem Sinne habe ich meine Überprüfung durchgeführt und dieses Gutachten erstellt.

 

Dalhem, 13.01.2021

Patrick van Veen | Präsident Jane Goodall Institute Global

Global Email: patrick.vanveen@janegoodall.global
Web: www.janegoodall.global

Übersetzung: E. Jansen


Präsident des Jane Goodall Instituts Global widerlegt Tierqualvorwürfe gegen den Zoo Krefeld

Tierschützer fordern per Petition vehement die Umsiedelung der Schimpansen Bally und Limbo in eine walisische Auffangstation

Aktuell fordern Tierschützer mittels einer Petition vehement die Überführung der Schimpansen Bally und Limbo aus dem Zoo Krefeld in das Wales Ape and Monkey Sanctuary (WAMS). Die Sinnhaftigkeit dieser Bestrebungen wird durch die Expertise des Jane Goodall Instituts (JGI) widerlegt.

Patrick van Veen, Präsident des Jane Goodall Instituts Global (JGI) widerlegt Tierqualvorwürfe zur Haltung der Schimpansen im Zoo Krefeld und rät dringend von einem Umzug in das Wales Ape & Monkey Sanctuary ab

Patrick van Veen, Global President des JGI, Verhaltensforscher und Primatologe, hat Bally und Limbo wie bereits längerfristig geplant am 12. Januar 2021 persönlich begutachtet. Sein Urteil ist eindeutig: „Die Tiere sind in sehr guter psychischer und physischer Verfassung. Nichts in ihrem Verhalten deutet mehr auf das Trauma der Brandnacht hin.“ Bally und Limbo werden von qualifiziertem Fachpersonal ihren Bedürfnissen nach entsprechend versorgt und vor allem beschäftigt. Der Innenraum, in dem die Tiere leben, entspricht zwar nicht den Vorgaben des Deutschen Säugetiergutachtens von 2014. Jedoch überwiegen die positiven Reize für die beiden Affen. Dabei spielt der intensive Kontakt zu den langjährigen Pflegern eine große Rolle. Diese gehören laut van Veen zur „sozialen Umgebung der Schimpansen“.
„Auch wenn es derzeit keine äußeren Anzeichen für ein Trauma gibt, kann das Herausreißen aus dem stabilen sozialen Umfeld, ein Transport und die Integration in eine neue Gruppe, dazu führen, dass traumatische Erfahrungen bei den Tieren erneut aufbrechen. Es muss also die beste Lösung gefunden werden und nicht nur irgendeine.“  Stellt van Veen klar.

Einziger Kritikpunkt des Experten ist der fehlende Zugang zu einer Außenanlage. Sollte ein Umzug von Bally und Limbo nicht innerhalb der nächsten sechs bis zwölf Monate erfolgen, muss der Zugang zu einer Außenanlage gewährleistet werden.
Van Veen wird seine Einschätzung in einem offiziellen Gutachten niederlegen, das dem Zoo bis zum späten Abend vorliegen wird.

Was ist das Wales Ape and Monkey Sanctuary (WAMS)?

Beim WAMS handelt es sich um ein privat geführtes Auffang- und Rehabilitationszentrum im Süden von Wales. 1999 übernahm das WAMS erstmals sieben Schimpansen aus dem Penscynor Wildlife Park, weil dieser schließen musste. *1 Nach eigenen Angaben verfügt das Zentrum über Expertise in Pflege und Schutz von Primaten. Aktuell leben dort zehn adulte Schimpansen in drei Gruppen.*2  Finanziert wird die Einrichtung über Spenden und Eintrittsgelder. Der Corona-bedingte Lockdown in Großbritannien führt auch hier zu enormen Einnahme-Verlusten, sodass sich das WAMS laut Wales online in einer kritischen finanziellen Lage befindet. *3

Welche Reputation hat WAMS?

Nach Angaben des Great Ape Projects Deutschland (GAP) ist das WAMS „eine in UK staatlich anerkannte und veterinäramtlich lizensierte Auffangstation für Affen in Not (aus Zoos, Zirkussen, Pharmalaboren oder Privathand), wie es sie vergleichbar nicht nur in Deutschland sondern europaweit kein zweites Mal gibt.“ *4 Dem gegenüber steht die 2011 in den Niederlanden gegründete European Alliance of Rescue Centers and Sanctuaries (EARS), ein Zusammenschluss 19 europäischer Auffangzentren, die sich auf die Rehabilitation von Menschenaffen spezialisiert haben. Das WAMS gehört nicht dazu. *5

Laut GAP leben im WAMS  „überwiegend alte, kranke, aus schlechter Haltung befreite und daher teils massiv verhaltensgestörte Tiere. Aus fachlicher wie auch tierschützerischer Sicht leistet das Sanctuary seit mehr als 20 Jahren hervorragende Arbeit in der Rehabilitation und Resozialisierung notleidender Affen.“ *4 Dies wird von Fachleuten jedoch angezweifelt. Bally und Limbo sind aufgrund ihrer guten psychischen und physischen Verfassung keine Tiere für Auffangzentren oder Gnadenhöfe.

Was sagen Kenner der Szene zum Wales Ape & Monkey Sanctuary (WAMS)?

Tom de Jongh, Vize-Koordinator des Europäischen Erhaltungszucht-Programms (EEP) für Westafrikanische Schimpansen im Burgers Zoo Arnheim, befindet:

„Zum Wales Ape and Monkey Sanctuary fürchte ich, nicht viel Positives sagen zu können. Viele Informationen gibt es nicht, außer dem, was sie auf Facebook posten. Auf Mails oder Anfragen haben sie nie reagiert. Zu ihren Affen pflegen sie eine sehr anthropomorphe Herangehensweise. Außerdem bin ich überrascht, dass sie Platz für neue Schimpansen haben. Die Tiere, die sie auf ihrer Website zeigen, sind seit Jahren dort. Gleichzeitig haben die meisten anderen Sanctuaries Wartelisten – für Schimpansen in weit schlechterem Zustand. Warum gehen diese Schimpansen nicht nach Wales, wenn dort Platz ist?“

Alison Cronin, Leiterin von Monkey World in Großbritannien, hat seit Jahrzehnten Erfahrung mit der Rehabilitation von Primaten. Ihre Meinung zum WAMS ist eindeutig:

„Das WAMS beschäftigt kein ausgebildetes Fachpersonal.  Im WAMS werden die Tiere von Volunteers (Freiwilligen) betreut, die sich oftmals nach ihrem Praktikum an Monkey World gewendet haben, mit der Bitte die Missstände im WAMS aufzudecken und zu beenden.“

Patrick van Veen, Präsident des Jane Goodall Institut Global, distanziert sich ebenfalls von einer übereilten Umsiedlung der Affen:

„Das individuelle Wohlbefinden und die Gesundheit von Bally und Limbo sind im Moment wichtiger als eine kurzfristige Lösung zu finden, die auf falschen Beurteilungen beruht. Die Stabilität und der enge Kontakt zu den bekannten Zoomitarbeitern und deren gute Fürsorge ist zum jetzigen Zeitpunkt entscheidender als Quadratmeter. In jedem Fall soll das keine mehrjährig andauernde Langzeitlösung sein, gleichwohl raten wir dazu, die Zeit bestmöglich zu nutzen und eine Lösung zu finden, bei der die Affen zusammenbleiben können und die die traumatischen Erlebnisse sowie die langfristige medizinische Versorgung, die sie in 2020 erhalten haben, berücksichtigt.“

Warum sind die Schimpansen 12 Monate nach der Brandkatastrophe noch hier?

„Nach der Katastrophe brauchten Bally und Limbo zunächst Zeit für die vollständige körperliche Genesung. Die gänzliche Abheilung der Brandwunden dauerte bis ins Frühjahr 2020. Hinzu kam die psychische und physische Erholung bei den vertrauten Pflegern, die zur erweiterten Gruppe der Affen gehören“, erläutert Zoodirektor Dr. Wolfgang Dreßen.

Eine Umsiedlung der beiden Affen kann der Krefelder Zoo nur vertreten, sofern eine perfekte räumliche Umgebung und eine optimale Gruppenstruktur für die beiden gewährleistet sind. Eine geeignete Gruppe zu finden, dauert seine Zeit – normalerweise werden neue Familien- Gruppen über Jahre vom EEP und den Zoos geplant und vorbereitet.  Das Team des Krefelder Zoos befindet sich seit rund fünf Jahren in der Planung einer neuen Familiengruppe: mit dem Neubau der Außenanlage wären zu Bally, Limbo und Charly noch fünf weitere Weibchen aus drei anderen europäischen Zoos eingezogen. Für alle unerwartet muss nun ein neuer Zoo gefunden und der jahrelange Vorbereitungs-Prozess vom EEP innerhalb weniger Monate geleistet werden. Erschwerend kommt das hohe Alter der beiden Tiere hinzu, das die Integration in neue Sozialgeflechte erschwert. Die von WAMS vorgeschlagene Vergesellschaftung von Bally und Limbo mit einem einzelnen männlichen Schimpansen wäre unzureichend als soziale Familiengruppe und würde ein Konfliktpotential unter den Tieren beinhalten.

„Für uns stand zunächst die medizinische Versorgung und psychische Stabilisierung der Tiere im Vordergrund“, so Zootierärztin Dr. Stefanie Markowski. Die Betreuung erfolgte neben den Zootierärztinnen durch die vertrauten, erfahrenen Tierpfleger. „Wir haben alles darangesetzt, Bally und Limbo den Heilprozess so wirksam und angenehm wie möglich zu gestalten. Zu den kreativen Lösungen des Teams gehörten unter anderem Heilbäder mit Futteranreiz“, beschreibt Markowski. Erst im September 2020 erlaubte die Einschätzung der Mitarbeiter des Krefelder Zoos einen Transport der Tiere. Jedoch erkrankte die 47-jährige Bally dann, so dass ein Umzug nicht möglich war. Erst Ende 2020 ist Bally wieder genesen und wäre seither wieder transportfähig.

Bereits im Laufe des Jahres hat der Zoo zudem Architekten und Statiker nach den Möglichkeiten des Anbaus einer Außenanlage an das bestehende Gorillahaus befragt. Schwierigkeiten bereitet die Bereitstellung einer ausbruchssicheren Konstruktion, die den Kräften und der Intelligenz der Menschenaffen gewachsen ist. Jedoch gibt es inzwischen neue Ideen, die aktuell geprüft werden.

Parallel dazu stand der Zoo seit der Brandnacht in intensivem Austausch mit den Koordinatoren des EEP, das verschiedene Vorschläge für eine neue Bleibe geprüft hat.

Welche Kriterien werden vom EEP für eine neue Bleibe herangezogen?
Für eine neue Unterbringung von Bally und Limbo sieht das Europäische Erhaltungszucht-Programm eine langfristige Perspektive der Haltung vor. Die neue Unterbringung muss die Forderungen der „Best Practise Guidelines“ erfüllen, angefangen vom Bau der Gehege (Baupläne werden vom EEP Komitee überprüft) über die richtige Fütterung bis hin zur Garantie der veterinärmedizinischen Betreuung. Außerdem wird eine Mitgliedschaft in der European Association of Zoos and Aquaria (EAZA) vorausgesetzt. Zu guter Letzt soll eine größtmögliche genetische Vielfalt bewahrt werden. Das EEP hat zum Ziel, stabile Gruppen aus Westafrikanischen Schimpansen in Europa zu formieren, weshalb der Verwandtschaftsgrad der Tiere eine wichtige Rolle spielt, um langfristig Inzucht zu vermeiden. Da Schimpansen über ein hochkomplexes Sozialverhalten verfügen, fließen bei der Auswahl einer neuen Gruppe auch die Persönlichkeitsstruktur und die Stellung des Tieres in der bestehenden Gruppe mit ein. Im Fall von Bally und Limbo bedeutet dies, dass beide in jedem Fall gemeinsam umziehen müssen. Limbos Persönlichkeit wird durch Bally gestärkt. Eine neue Gruppe sollte idealerweise keine erwachsenen Männchen enthalten.

Was macht den Umzug der Schimpansen so anspruchsvoll?

„Die außergewöhnlich starke Bindung unserer Tiere an ihre Tierpfleger und das tägliche Training geben ihnen sichtlich Stabilität und die emotionale Sicherheit, die sie aktuell benötigen. Wenn sie umgesiedelt werden sollen, kann das nur geschehen, wenn tatsächlich Garantie für eine Verbesserung ihrer Lebensqualität besteht – und diese manifestiert sich nicht nur räumlich“, erklärt Dr. Wolfgang Dreßen.

Aus Tierschutzgründen ist eine Transportbegleitung der beiden Affen durch ihre gewohnten Pfleger oder intensiv geschulte Vertreter*innen dringend erforderlich, um ihnen Stress zu ersparen. Den Transport entsprechend vorzubereiten erfordert mehrere Monate, und einen Transporttermin zu wählen, ist in Anbetracht der aktuellen Corona-Situation zusätzlich kompliziert. Da für den Transport der Schimpansen eine Narkose notwendig ist, musste außerdem zunächst die Gesundheit der beiden sichergestellt werden. Dazu wurden mehrere medizinische Voruntersuchungen und Tests wie ein Herzultraschall und der Ausschluss von Infektionskrankheiten vorgenommen. 

Welche Optionen gibt es für Bally und Limbo?
Angestrebt wird der Umzug in einen EEP-Zoo, der die genannten Kriterien erfüllt. Anderenfalls ist der Verbleib der Tiere in Krefeld mit kurzfristiger Ergänzung (innerhalb von sechs bis zwölf Monaten) um eine Außenanlage und anschließender Einzug in eine Anlage des ArtenschutzZentrums Affenpark wahrscheinlich.

Tierwohl steht an erster Stelle

Der Krefelder Zoo vereint beides: ein emotionales und ein wissenschaftliches Verständnis für Bally und Limbo.
Nur wer Tiere versteht und begreift und ihre Bedürfnisse nicht auf die des Menschen reduziert, kann sie ihrer Art entsprechen pflegen, hegen und betreuen. In kaum einer Haltungsform werden Tiere von Menschen mit so großem Fachwissen wie in einem wissenschaftlich geführten zoologischen Garten gehegt und gepflegt. Dazu gehören kompetente pflegerische sowie veterinärmedizinische Betreuung und sehr hohe Futterstandards. Hinzu kommt die starke emotionale Bindung der Pfleger*innen an die Tiere, die ein Zooteam zusätzlich zum professionellen Anspruch motiviert, das Wohlbefinden der Tiere stets als oberste Priorität zu behandeln.

Quellenangaben:

*1 www.ape-monkey-rescue.org.uk

* 2 en.wikipedia.org/wiki/Wales_Ape_and_Monkey_Sanctuary

* 3 www.walesonline.co.uk/whats-on/whats-on-news/monkey-ape-sanctuary-swansea-valley-19598559

*4 Great Ape project: www.facebook.com/permalink.php

*5 www.ears.org

Statement von Alison Cronin von Monkey World, Longthorns, Wareham, Dorset, BH20 6HH. United Kingdom

Statement Patrick van Veen, Global president Jane Goodall Institute und Vertreter von des JGI Expertise-Programms ChimpanZzoo

Statement Tom de Jongh, EEP für Westafrikanische Schimpansen, Burgers Zoo

Jane-Goodall Institut

Schimpansenhaltung Zoo Krefeld

Schimpansenhaltung WAMS

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